Anrührende Erinnerung
von Sabine Scholz
Es liest sich schnell, kommt klein und bescheiden daher und ist doch ein Buch, das nachwirkt. Es ist weniger literarisch als manche andere Erinnerung, die Überlebende von Buchenwald und Langenstein-Zwieberge verfasst haben. Aber genau darin liegt seine Stärke. „Mama, mir geht’s gut … Ich hab mir nichts getan“ ist ein anrührendes Zeugnis dessen, was Dino Burelli und abertausenden Anderen Grauenhaftes widerfahren war, und es ist eine Ode an das Leben, ein positives Buch. Mit „einfachen, aber leidenschaftlichen Worten“, wie es Sohn Claudio im Vorwort formuliert, hat Dino Burelli seine Erlebnisse der Deportation, Lagerzeit und Rückkehr ins Leben festgehalten. Sachlich ist der Ton, den der im Jahr 2008 verstorbene Italiener wählte, um einen prägenden Teil seiner Biografie zu erzählen.
Dabei hat er Jahrzehnte verschwiegen, was die Verschleppung in die Konzentrationslager wirklich bedeutete, welche traumatischen Erfahrungen er in Buchenwald und Zwieberge machen musste. „Ich hatte damals Angst, über meine Erlebnisse zu sprechen, weil die Dinge, die ich erlitten hatte, die menschliche Vorstellungskraft sprengten“, schreibt Burelli. „Aber nicht nur meine eigenen Qualen und die meiner Leidensgefährten wollte ich verbergen, sondern auch die Erinnerungen an die abwesenden Blicke der Sterbenden, die Lumpen, die die Skelette der Toten verdeckten, und die Stapel von Leichen.“ Doch als Revisionisten behaupteten, die deutschen Lager hätten nie existiert, brach er sein Schweigen, sprach vor Schülern und schrieb seine Erinnerungen auf. Schön ist, dass Burelli nicht nur vom Lagerleben berichtet, sondern auch von seiner Rückkehr in die Heimat, vom Hochgefühl, die eine Schüssel Radicchio, zwei Eier und ein Glas Wein auslösten.
Es ist ein kluger, ruhiger Blick zurück. Ohne Hass, aber auch ohne Verklärendes. Der italienische Arzt seziert die Ereignisse nicht, er dokumentiert. Erst zum Schluss des Büchleins nennt er seine Schlussfolgerungen. Und auch dies wieder auf eine ruhige, leise und weise Art.
Dino Burellis Erinnerungen, übersetzt von Matthias Wolf, bilden den Auftakt für die neue Reihe „Biographien, Erinnerungen, Lebenszeugnisse“, die die Gedenkstättenstiftung des Landes herausgibt. Besonders schön ist es, dass die Redaktion nicht nur wichtige Erläuterungen und Einordnungen in den geschichtlichen Kontext leistet, sondern auch dem Sohn Claudio Burelli Platz einräumt für eine kurze Vorstellung seines Vaters. Dazu kommen eine kleine Bildergalerie, ein Geleitwort des Stiftungsratsvorsitzenden Rüdiger Erben und als Abschluss zwei kurze Reden, die Dino und Claudio Burelli im April 2008 anlässlich des Jahrestages der Befreiung des KZ Langenstein-Zwieberge hielten. Bleibt nur zu wünschen, dass Herausgeber und Redaktion auf diesem Weg weitermachen, auch was die Qualität von Layout und Druck betrifft. Das Büchlein kostet 6,49 Euro und ist in der Geschäftsstelle der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt sowie in der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge erhältlich.

