Ein beeindruckendes Wochenende in Frankreich
Von Hanke Rosenkranz
In meiner neuen Funktion als Fördervereinsvorsitzende wurde ich, gemeinsam mit Ellen Fauser, Leiterin der Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge, vom 10. bis 13. September 2010 von der Vereinigung der französischen Häftlinge des Lagers Langenstein zum ihrem jährlichen Treffen eingeladen, das in Moulins stattfand. In diesem Jahr nahmen 3 Überlebende teil: Georges Petit, Paul Le Goupil und Claude Baud. Zu unserer 31-köpfigen Runde gehörten außerdem Witwen von bereits verstorbenen Häftlingen sowie Kinder, Enkel und Urenkel. Das Ehepaar Paul und Marie-Thérèse Chaumont organiserten ein umfangreiches und sehr interessantes Programm, das auch mit ihrer Familiengeschichte verwoben war.
Nach fast 15 Stunden Zugfahrt erwartete uns eine sehr herzliche Begrüßung und ein, wie in Frankreich üblich, sehr leckeres Abendbrot im „Grand Café“, einem 1899 eröffneten Restaurant, dessen nahezu barocke Pracht durch zahlreiche Spiegel und Stuckdecken des heimischen Künstlers Sauroy erzeugt wird.
Schon beim Abendbrot fand ich es sehr schade, der französischen Sprache nicht mächtig zu sein, und dieses Bedauern verstärkte sich im Verlauf des Treffens trotz des engagierten Einsatzes von Ellen Fausers Sohn Henning als Dolmetscher beträchtlich, denn eigentlich wollte ich sofort meine vielen Fragen an die Teilnehmer los werden und mich natürlich auch nett mit ihnen unterhalten.
Der Samstag stand ganz im Zeichen der Geschichte. In Bourbon – l’Archambault gedachten wir mit einer öffentlichen Gedenkveranstaltung des Vaters von Marie- Thérèse Chaumount, Jean Durand, und weiterer 5 französischen Widerstandskämpfer, die infolge von Verrat verhaftet wurden und nach einigen Tagen Haft in Moulins ihren Leidensweg durch die Konzentrationslager Deutschlands nahmen. Jean Durand ist am 04.03.1945 in Langenstein Zwieberge zu Tode gekommen, seine Asche wurde auf dem Städtischen Friedhof Quedlinburg in einem Massengrab beigesetzt.


Der anschließende Vortrag des Historikers François Demaegdt gab uns einen interessanten Überblick über erforschte Schicksale von Deportierten dieser Region.
Der Nachmittag entführte uns ins Mittelalter mit einer sehr ausführlichen Besichtigung des ehemaligen Klosters Souvigny, die uns die Geschichte der Benediktiner nahe brachte und mit einem Orgelspiel abschloss.
Am Abend gedachten wir zunächst der in jüngster Vergangenheit verstorbenen Überlebenden von Langenstein-Zwieberge. Dann berichtete ich von der Arbeit des neuen Vorstandes unseres Fördervereins und Frau Fauser zeigte Fotos von der am 1. September begonnenen Umgestaltung des Mahnmals. Alle Anwesenden nahmen regen Anteil daran und uns wurde sehr deutlich, dass auch 65 Jahre Zeit nicht die schmerzhaften Erfahrungen der Haft auslöschen können. Ganz wichtig ist es sowohl für die Überlebenden als auch die Kinder ehemaliger Häftlinge, dass es einen angemessenen Ort des Gedenkens und der Trauer für die Angehörigen gibt und die Toten die Würde ihrer Identität zurück erhalten. Dazu sollen möglichst zeitnah zum Umbau auch die Namenstafeln der 772 Opfer angebracht werden, die auf dem Gelände des Mahnmals 1944/45 in Massengräbern verscharrt wurden.
Frédéric Hérmet, der Neffe des Überlebenden Louis Dalle, stellte die neue Ausgabe des Buches “Louis Dalle un homme libre“ vor, das das Leben seines Onkels beschreibt, der als Seminarist von der Gestapo verhaftet wurde, die KZ-Lager Buchenwald und Zwieberge überlebte und als Bischof in den peruanischen Anden sein Leben vollendete. Eine Stiftung mit seinem Namen, der die Einnahmen aus dem Verkauf dieses Buches zugute kommen, unterstützt bis zum heutigen Tage Bildungsprojekte in Peru. Frédéric Hérmet bat die Gedenkstättenleiterin zu prüfen, ob eine Übersetzung dieses Buches möglich sei, um es auch in Deutschland interessierten Lesern zugänglich zu machen.
Dass es auch nach so langer Zeit noch Überraschungen geben kann, zeigt der Fakt, dass ein Gast dieses Treffens, Marcel Blumenzak, erst 3 Wochen zuvor durch den Kontakt mit Paul Le Goupil erfahren hatte, dass sein Vater nicht wie angenommen in Auschwitz, sondern in Langenstein-Zwieberge ums Leben kam. Im Oktober möchte er aus diesem Grunde mit seiner Frau und seinem Sohn die Gedenkstätte besuchen. Auch Henry Claude brachte interessante Unterlagen seines Vaters mit, wie z.B. Originalnotizen auf damalig benutztem Zigarettenpapier.
Am Sonntag haben wir das Nationale Zentrum für Bühnenkostüme in Moulins besucht und einen Augen- und Ohrenschmaus erlebt. Die Ausstellung zeigte uns glamouröse Kleider und Bühnenaccessoires von früheren und heutigen Diven von Maria Callas bis Dalida, und wir bekamen zahlreiche Anekdoten rund um ihre Bühnenpräsenz sowie Einspielungen ihres Gesangs zu hören.
Nachmittags eroberten wir zu Fuß den historischen Kern der Stadt Moulins und besichtigten auch das ehemalige Gefängnis, was Tränen der Betroffenheit bei der Tochter von Jean Durand auslöste, stand sie doch erstmalig an dem Ort seiner ersten Hafttage.


Ein weiteres gemütliches Essen mit vielen Gesprächen rundete den Abend ab und am Morgen des 13.09. 2010 gab es ein “Au revoir“ mit vielen Umarmungen und der Hoffnung, dass die Gesundheit ein Wiedersehen zu den „Tagen der Begegnung“ zulässt.


Tief beeindruckt von der körperlichen Kondition und der geistigen Fitness der Teilnehmer, ihrer Herzlichkeit und Lebensfreude trat ich den langen Rückweg an.
Für mich persönlich ist dieses Treffen Ansporn und Motivation, die Arbeit im Förderverein weiter voran zu bringen und ich hoffe sehr, viele von ihnen im April wieder zu sehen.
